„Wir müssen in die Offensive gehen“

Interview mit der Tageszeitung „junge Welt“, erschienen am 29.07.2013. (Quelle: http://www.jungewelt.de/2013/07-29/054.php?sstr=mainz)

 

„Wir müssen in die Offensive gehen“

Mainzer Initiative plant Nachttanzdemo gegen Wohnungsnot, ruft aber nicht speziell zu Hausbesetzungen auf. Ein Gespräch mit Sebastian Roth

Interview: Gitta Düperthal
Sebastian Roth ist im Mainzer Bündnis »Recht auf Stadt« aktiv und spricht für das Plenum der dortigen Nachttanzdemo
Ein Bündnis von linken und studentischen Initiativen ruft für den 9. August zur »Nachttanzdemo gegen Wohnungsnot« in Mainz auf. Ist nächtliches Tanzen nicht ein eher stumpfes Schwert, um für Wohnraum und unkommerzielle Zentren zu kämpfen?

 

Wir wollen so ein Zeichen setzen. Die Nachttanzdemo ist ein gutes Mittel, um Öffentlichkeit herzustellen, die Bevölkerung über den Mißstand Wohnungsnot zu informieren – und mit unserer Kritik die Stadtverwaltung zu erreichen. Die Mieten sind in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Niedriglöhner, Migranten, Studierende und Rentner werden so aus beliebten, innenstadtnahen Wohnvierteln wie Mainz-Neustadt verdrängt. Ebenso junge Familien. Zugleich unterstützt die Stadtregierung von SPD, Grünen und FDP den Bau von Prestigeprojekten. Zum Beispiel entstehen am Winterhafen mehrstöckige Häuser mit Luxusappartements, die sich Menschen mit durchschnittlichem Einkommen gar nicht leisten können. Mainz ist eine Universitätsstadt mit zur Zeit rund 30000 Studierenden. Wer zu Semesterbeginn neu in die Stadt kommt, muß erst mal auf Matratzen oder bei Freunden auf der Couch unterkommen. Der Allgemeine Studierendenausschuß macht jährlich Kampagnen, um Schlafplätze zu besorgen. Zwar entstehen jetzt Studentenwohnheime mit einigen hundert Plätzen – aber das reicht nicht aus.

Bereits 2010 und 2012 gab es Nachttanzdemos in Mainz. Vor der diesjährigen Aktion hat das Bündnis »Recht auf Stadt« zu einer Veranstaltung mit Anwälten eingeladen, um die Teilnehmer für den Fall einer Festnahme oder Personalienfeststellung über ihre Rechte aufzuklären. Schlechte Erfahrungen?
Wir wollen Menschen, die noch nicht oft bei Demonstrationen waren, darauf hinweisen, wie sie bei Polizeiübergriffen reagieren können. Bei jeder Demo kann es dazu kommen. Im vergangenen Jahr hat die Polizei einen Teilnehmer wegen Besitzes von Pyrotechnik aus der Nachttanzdemo herausgezogen und gegen weitere Demonstranten aggressiv Pfefferspray eingesetzt. Andere solidarisierten sich mit den Angegriffenen. Wir hoffen, daß es dieses Mal keine polizeilichen Ausschreitungen gibt.
Im Aufruf zur Demonstration heißt es: »Wir werden uns in diesem Jahr nehmen, was wir brauchen.« Was ist damit gemeint?
Wir rufen nicht speziell zu Hausbesetzungen auf – oder etwa zu anderen illegalen Aktionen in diesem Zusammenhang. Wir weisen nur darauf hin, daß wir in nächster Zeit weitere Aktionen planen. Angesichts der problematischen Situation müssen wir in die Offensive gehen. Zunächst freuen wir uns auf die Nachttanzdemo. Am 3. August gibt es zur Finanzierung eine Soliparty im »Baron«, einer Kneipe auf dem Unicampus.
Gibt es eigentlich besetzte Häuser in Mainz?
Es gibt das vor 25 Jahren besetzte Haus Mainusch am Unicampus, das aber nach kurzer Zeit einen Mietvertrag erhielt und jetzt ein selbstverwaltetes Zentrum ist. Ansonsten nur semikommerzielle Kulturzentren. Vergangenes Jahr hatten wir mit der Nachttanzdemo und der Besetzung der Oberen Austraße 7 auf die Thematik fehlender Freiräume aufmerksam gemacht. Das Haus im Besitz der Stadtwerke wurde aber nach einem Monat geräumt – und sofort abgerissen, um eine Neubesetzung zu verhindern. Ein Neubau ist bis jetzt nicht realisiert. Menschen sollen gehindert werden, hier – wenn auch nur als Zwischennutzung – kulturellen Freiraum schaffen. Zu Verhandlungen mit den Besetzern waren die Verantwortlichen nicht bereit. Man will auch hier am Zollhafen »gehobenere Wohnverhältnisse« etablieren.
Welche Initiativen unterstützen die Demo?
Unter anderem das Bündnis »Recht auf Stadt«, die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen Mainz, die Ultraszene Mainz, die Grüne Jugend und die Linksjugend Solid.
Auch das »Institut für vergleichende Irrelevanz« aus Frankfurt am Main oder das Autonome Zentrum Köln-Kalk machen mit – werden Kämpfe um Wohnraum nicht mehr nur lokal ausgefochten?
Es ist ein bundesweites Problem: Berlin, Hamburg, Köln, Freiburg, Frankfurt und Wiesbaden sind ebenso betroffen. Wir freuen uns, wenn eine Vernetzung gelingt und wir nicht mehr allein dastehen. Viele von uns sind bereit, sich in anderen Städten diesen Entwicklungen entgegenzustellen.
 
Demo, 9. August, Mainz, 19 Uhr Hauptbahnhof, https://traeumentanzenkaempfen.noblogs.org

Mobiclip

Die Tage haben sich wohl verschiedene Künstler*innen zusammengesetzt, um ein kleines Video für die Nachttanzdemo zu produzieren. Das Ergebniss kann sich sehen lassen!

Schauts euch an, verteilt es weiter, kommt zur Demo!